10 Jahre Bonner Spendenparlament

Vorsitzende Sibylle Becker: „Die innovative Idee hat eingeschlagen“ – Bonner Spendenparlament will weiter wachsen – „Engagementpreis“ bereits im Gründungsjahr – Baumpatenschaften und Festveranstaltung zum Jubiläum

„Die innovative Idee des demokratischen Spendens hat in Bonn eingeschlagen. Das können wir nach zehn Jahren mit Fug und Recht sagen“, freut sich die 1. Vorsitzende des Bonner Spen-denparlament e.V., Sibylle Becker. Mit der Förderung von 171 sozialen Projekten in bisher 18 Parlamentssitzungen mit einer halben Million Euro seit der Gründung der wohltätigen Initiative im Jahre 2008 zog die Vorsitzende am Dienstag (20.02.) vor der Presse im podium49 in der Bonner Südstadt eine positive Bilanz. Allein im Jubiläumsjahr 2018 werden weitere 60.000 Euro an Spendengeldern für neue Hilfsprojekte ausgeschüttet. Das stellen die inzwischen 480 Mitglieder des Bonner Spendenparlaments und zusätzliche Zuwendungen großzügiger Bürger und Unter-nehmen sicher. „Wir möchten weiter wachsen, denn der Bedarf an finanzieller Unterstützung von Projekten zur Teilhabe benachteiligter Bevölkerungsgruppen an unserer Stadtgesellschaft ist groß“, beschreibt Sibylle Becker die künftige Entwicklung des Bonner Spendenparlaments.

Das 10-jährige Bestehen will das Bonner Spendenparlament mit einer Reihe von Veranstaltungen mit seinen Parlamentsmitgliedern, den geförderten Vereinen, den Unterstützern, seinem ehren-amtlichen Team und vielen Gästen feiern. Zum Auftakt des Jubiläumsjahres 2018 hat das Bon-ner Spendenparlament unter dem Motto „Me fiere on spendiere“ am Bonner Rosenmontagszug am 12. Februar teilgenommen. „Es folgt am 10. März eine Baumpflanzaktion in der Waldau. Für fünf Euro pro Buche kann jeder Baumpate im ‚Spendenwäldchen‘ werden“, kündigte der 2. Vor-sitzende, Wolfram Schmuck, an. Am 30. Mai wird zu einer Festveranstaltung ins GOP Varieté-Theater eingeladen, bei der unter anderem Oberbürgermeister Ashok Sridharan und der Stell-vertretende NRW-Ministerpräsident und Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration, Dr. Joachim Stamp, das Wort ergreifen werden.

„Demokratisches Spenden hat sich durchgesetzt“

„Es war keineswegs sicher, dass sich die Idee des demokratischen Spendens in Bonn durch-setzen würde, obwohl die Bundesstadt auf eine gute, parlamentarische Tradition verweisen konnte“, beschreibt Becker die skeptische Stimmung zur Gründerzeit des Bonner Spendenpar-laments. Schließlich verpflichten sich die Parlamentsmitglieder, regelmäßig für soziale Projekte zu spenden, sich mit den Förderanträgen der gemeinnützigen Vereine zu befassen und in Par-lamentssitzungen über die Zuwendungen für Projekte für Wohnungslose, Migranten, Kinder aus bildungsfernen Milieus oder Menschen mit Handicap zu entscheiden.

„Als wir am 20. Mai 2008 das Gründungsprotokoll des Bonner Spendenparlament e.V. unter-zeichneten, lag schon eine zweijährige Vorbereitungszeit hinter uns“, berichtete Prof. Dr. Hans-Martin Schmidt, von 2008 bis 2016 Erster Vorsitzender und heute Ehrenvorsitzender des Bonner Spendenparlament e.V. Da einer der Gründungsväter aus Hamburg stammte, brachte er den Vorschlag mit, in Bonn ein Pendant zum Hamburger Spendenparlament zu gründen, das dort bereits 1996 seine 1. Parlamentssitzung abhielt. Das Grundprinzip der Initiative lautet: „Das Bon-ner Spendenparlament ist eine gemeinnützige, überparteiliche und demokratische Initiative von Bon-nern für Bonner. Es ist ein Mittler zwischen Initiativen und Vereinen, die sich in Bonn und für Bonn engagieren, und Menschen, die diese Arbeit auf eine ganz neue, innovative Art und Weise unter-stützen wollen“.

Schmidt drückt es einfacher aus: „Auf ehrenamtlicher Basis sammeln wir Spenden und unter-stützen Projekte, die sozial benachteiligten Menschen helfen, unabhängig von deren Herkunft, Geschlecht, Religion und Nationalität“. Und das Besondere: Über die Vergabe der Mittel ent-scheiden die regelmäßigen Spender selbst in den jeweiligen Parlamentssitzungen. Für nur 5 Eu-ro im Monat kann jeder Mitglied im Bonner Spendenparlament werden und hat damit Sitz und Stimme in den Parlamentssitzungen.

„Besonders stolz waren wir, dass wir bereits Ende September im Gründungsjahr aus den Hän-den des damaligen Bundesfinanzministers Peer Steinbrück den „Engagementpreis 2008“ entge-gennehmen durften. Der mit 3.000 Euro dotierte Preis der ehemaligen Stipendiatinnen und Sti-pendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung war uns eine große Hilfe beim weiteren Aufbau der ge-samten Organisation. Die erste Parlamentssitzung fand am 7. März 2009 im ehemaligen Plenar-saal des Deutschen Bundestages im Alten Wasserwerk statt. Insgesamt konnten damals gerade mal 2.702 Euro an Spendengeldern an drei Projekte ausgeschüttet werden. Die bislang höchsten Fördermittel gingen bisher bei der 12. Parlamentssitzung am 8. November 2014 mit 53.387 Eu-ro an 15 neue Projekte.

An das erste vom Bonner Spendenparlament geförderte Projekt erinnerte Ruth Dobrindt vom Verein Abenteuer Lernen e.V.: „Im Januar 2009 wurden wir durch einen Artikel im Bonner Ge-neral-Anzeiger auf die neue Initiative aufmerksam. Unserem Antrag auf finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung eines ‚Holz- und Tischlerzeltes zum Werken und Experimentieren‘ mit 1.300 Euro wurde dann auch auf der 1. Parlamentssitzung zugestimmt“. Die gute Zusammenarbeit mit dem Bonner Spendenparlament und der chronische Geldmangel eines auf freiwillige Helfer an-gewiesenen Vereins haben Abenteuer Lernen in den Folgejahren ermuntert, immer wieder einmal Projektförderungen zu beantragen. Nach 2015 wurden vor allem auch Projekte zur aktiven Hilfe und Integration für Geflüchtete gefördert.

Integration von Bevölkerungsgruppen einer der Schwerpunkte

Das Spektrum der beantragten und geförderten Projekte gibt ein gewisses Abbild der sozialen Problemlagen und Lösungsansätze in der Stadtgesellschaft. Es spiegelt auch die Verteilung der Probleme auf die einzelnen Quartiere der Stadt wider. „Es zeigt aber vor allem, wie engagiert, lebendig und kreativ die Vereine in dieser Stadt sich für die Belange benachteiligter Mitmenschen einsetzen. Das ist großartig, und dafür gebührt ihnen Dank“, unterstrich Sibylle Becker.

Mit 260.000 Euro ist gut die Hälfte der halben Million Euro an Fördermitteln in Projekte zur In-tegration von Bevölkerungsgruppen geflossen. Davon wurden mit 170.000 Euro 58 Projekte zur Migration gefördert. Das ist auch ein Zeichen dafür, in welchem Umfang sich gerade in jüngerer Vergangenheit Vereine und Initiativen auf ehrenamtlicher Basis mit speziellen Projekten um Ge-flüchtete gekümmert haben. Hier stehen nicht nur Sprachkurse im Vordergrund, sondern auch andere Angebote zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt und zur sinnvollen Freizeitgestaltung gemeinsam mit Bonner Bürgern, um den Aufbau persönlicher Beziehungen zu fördern. „Zur In-tegration von Bevölkerungsgruppen, die uns ein besonderes Anliegen ist, gehört auch der Be-reich der Inklusion benachteiligter Mitmenschen“, erläuterte die 1. Vorsitzende des Bonner Spendenparlament e.V. Mit rund 90.000 Euro wurden 28 Projekte für Menschen mit Handicaps gefördert. Dabei wird diesen Menschen auch die Teilhabe an Freizeitaktivitäten ermöglicht, die ihnen sonst verschlossen blieben, wie beispielweise Fußballspielen im Team von geistig Behin-derten oder Naturerlebnisse für Kinder auf begleiteten Wald-Exkursionen.

Ein anderer großer Block, 140.000 Euro an Fördermitteln, entfällt auf 42 Projekte aus dem Be-reich Bildung und Ausbildung junger Menschen. Hier werden zum Beispiel Patenschaften ange-boten, in denen etwa Studenten Schüler mit Lernschwierigkeiten auf ihrem Weg zu einem Schul-abschluss und dem Einstieg ins Berufsleben unterstützend begleiten. Ein nicht unerheblicher Teil der Fördermittel geht mit 25.000 Euro in Projekte für Senioren, wie den Aufbau eines ehrenamt-lichen Begleitdienstes für alleinstehende alte Menschen oder Hilfen für Angehörige von Demenz-erkrankten. Weiter werden Projekte für Wohnungslose, wie etwa die Anschaffung neuer Schlaf-säcke oder Aufbaunahrung unterstützt. Mehr als 30.000 Euro der Fördermittel wurden für sons-tige gemeinnützige Initiativen wie etwa Repaircafés, Frauenhäuser oder eine Rettungshundestaf-fel eingesetzt.

Im Durchschnitt wird ein Hilfsprojekt mit 2.900 Euro gefördert. Die kleinsten Förderungen waren die Anschaffung einer tragbaren Stereoanlage für Tanzkurse des Internationalen Frauen Zent-rums für 143 Euro und die Förderung eines Fotobearbeitungskurses für Gehörlose mit 321,60 Euro. Die bisherigen Höchstförderungen lagen bei 10.562,67 Euro für einen Kleinbus als Mobili-tätshilfe für Rollstuhlbasketballer und bei 10.680 Euro für ein Fußballturnier mit Jobbörse zur In-tegration von Geflüchteten.

Spender, Vereine als Projektträger und engagierte Ehrenamtler tragende Säulen

Die positive Entwicklung des Spendenparlaments ruht nach den Worten der Vorsitzenden auf drei Säulen: „Dies sind zum einen unsere Geldgeber, also die Parlamentarier und Unterstützer. Das sind zweitens die Vereine, die die Projekte entwickeln und mit unserer Förderung umsetzen, und das ist drittens unser Trägerverein, Bonner Spendenparlament e.V., mit den dort ehren-amtlich tätigen Aktiven und weiteren Zeitspendern, die unsere fortlaufende Arbeit organisieren“.

Zu den Parlamentariern der Gründungszeit zählt Ralf Karabasz. Die Idee und vor allem der de-mokratische Ansatz der Initiative haben ihm gleich gefallen und so ist er seit bald zehn Jahren Mitglied im Bonner Spendenparlament. „In den Parlamentssitzungen kann ich mitbestimmen, in welche Projekte die Spenden fließen. Dabei lerne ich zugleich die verschiedenen sozialen Prob-lemfelder in unserer Stadt, in denen Hilfe dringend erforderlich ist, aus erster Hand kennen“, be-gründete Karabasz sein Engagement. Der Geschäftsführer von Synergie Ver-triebDienstleisung GmbH im podium49 unterstützt das Bonner Spendenparlament über seinen persönlichen Spendenbeitrag als Parlamentarier hinaus seit vielen Jahren durch Benefiz-Aktionen. Durch die Erlöse der legendären „Genießer-Diagonale in der Südstadt“, des Er-mekeilstraßen-Festes, der Weihnachts-Bazare oder des Hoffestes des VDP-Spitzenwinzers Matthias Müller aus Spay wurden die Fördermittel um einige Tausend Euro aufgestockt und zu-gleich neue Mitglieder für das Spendenparlament gewonnen.

Das ehrenamtliche Organisationsteam als eines der tragenden Säulen ist von einer Handvoll Ak-tiver in der Gründungsphase auf rund 25 ständig im Einsatz befindliche Mitstreiter angewachsen. „Nur so lassen sich die Verwaltung der Parlamentarierdaten und Spendenmittel, die Beratung der Vereine, die Vorabprüfung der Projekte, die Vorbereitung und Durchführung der Parlamentssit-zungen, die Abwicklung der Auszahlungen, die Kontrolle der Mittelverwendung, die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Aktionen, die regionale Vernetzung und vieles Weitere überhaupt be-werkstelligen, ohne hauptamtliche Kräfte“, hob Sibylle Becker hervor. „Nur mit diesem bemer-kenswerten Einsatz unserer Ehrenamtler können wir garantieren, dass 100 Prozent der von un-seren Parlamentariern aufgebrachten Mittel tatsächlich in die Projektarbeit fließen“.

Mit diesem außergewöhnlichen Engagement habe das Bonner Spendenparlament in den ver-gangenen 10 Jahren das Vertrauen der Spender und der Vereine als Empfänger der Spenden gewonnen. „Vertrauen ist unersetzlich“, zitierte Becker einen der wichtigsten Spendentipps des deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen. „Zu unseren Erfolgsfaktoren zählen sicher auch die Transparenz, d.h. die Spender können jederzeit nachverfolgen, was mit ihrem Geld geschieht, die Unabhängigkeit unserer Initiative und die Überparteilichkeit. Natürlich sind auch die Bonner Bundestagsabgeordneten im Bonner Spendenparlament willkommen. Wir haben aber immer Wert darauf gelegt, dass mit SPD-MdB Ulrich Kelber, der Grünen-MdB Katja Dörner und den CDU-Ex-MdBs Dr. Stephan Eisel und Dr. Claudia Lücking-Michel das breite Parteienspekt-rum vertreten ist“, so die Vorsitzende wörtlich. Ein besonderer Dank gelte dem Schirmherrn des Bonner Spendenparlaments, Oberbürgermeister Ashok Sridharan. Er habe immer ein offenes Ohr für die Anliegen der initiative.